Andy Werth (Reitwagen Boss/ Reitwagen Racing) in einem offenen Brief an mich(R4F) zum Thema RESCH, IOEM und Racing im Allgemeinen. Obwohl der Text ursprünglich privater Natur an mich (R4F) gerichtet war, hat Andy Werth uns sofort die Erlaubnis zur Veröffentlichung erteilt:
Langer Brief mit Bemerkungen zu Resch und ÖM an dich. Du berichtest schon lange und fair, vielleicht passt grad der Moment, um sich über das Rennfahren daheim zu unterhalten, und da kann ein bisserl Hintergrund-Wahrheit nicht schaden (ist jetzt keine Presseaussendung, geht an keine anderen Medien - hab eh selber eins. Auch kein Versuch, in Fahrerlagerthemen einzugreifen - gegen letzteres hilft ja gottseidank nur: nix reden, fest arbeiten, fest einzahlen, schneller fahren, gwinnen):
Resch kann ein paar Sachen am Motorrad, die sonst keiner kann. Er kann aber nicht alles und er ist weit davon entfernt, ein technisch fertiger Profi am Erfahrungsstandard von Bauer, Meklau oder Ranseder zu sein. Gemessen an gefahrenen Roadracing-Kilometern unter professionellen Bedingungen ist er unter den anderen österreichischen Spitzenfahrern objektiv ein Lehrbua (allerdings mit bis in die WM sehr hoher fahrerischer Lerngeschwindigkeit, Entwicklung der Technik ist aber dzt. ein hartes Brot, überhaupt, wenn fast keine Kohle da ist).
Was in den IOEM Klassen SST und SBK von ihm zu sehen ist, ist der Versuch, mit Minibudget sicherzustellen, dass er fahrerisch nicht einrostet und einen Fahrspaß hat. Der ÖM-Titel ist nicht das wichtigste Ziel (den Titel zu verlieren, ist aber keineswegs lustig; verlieren ist nie lustig. Die ÖM wird daher sportlich ernst genommen).
Technik SBK:
Serien-KTM Track direkt aus der Schachtel. Aufgebessertes, käufliches WP-Fahrwerk. Seit Brünn (vorher komplett Serie) niedrig verdichteter bei KTM aufgebauter Superstock-Motor (Lebensdauer deutlich länger als Bauer IDM-Motoren, viel niedrigere Betriebskosten, keine IDM/WM-Elektronik an Bord sondern Seriensteuerkastl ohne Fahrhilfen) mit rund 4 PS mehr Leistung als Serie (also Leistungsrückstand auf Alpe Adria Spitzen-Superbikes, von Sendlhofer Rossi-Kawasaki bis Filla BMW und Pellizzon Aprilia jederzeit nachmessbar ab 25 bis 35 PS. Seine damit nahezu serienmäßige KTM ist so billig, dass er gern jeden dazu einladen kann, damit ein Proberunderl in Pannonien zu drehen oder sie auf den Prüfstand zu stellen. Wenn du willst, kannst auch gern einmal probieren).
Arbeit dzt: Leistungsnachteil SST V2 gegen Vierzylinder Superbikes kann fahrerisch und übers Drehmoment nur ausgeglichen werden, wenn Fahrwerk mit Kurveneingang und Scheitelspeed fast so perfekt performt wie ein GP-Bike. Der RC8-rahmen könnte das, ist aber viel Feinarbeit und dzt. noch weit weg (zuwenig Zeit, zu wenig Geld, kaum Tests), aber in kleinen Schritten wird's schon. Es helfen WP Sperl, Haslacher und Bauer. Reine Set-up Arbeit auf Uhrmacherniveau.
Technik SST:
Kawa ZX10-R auch direkt aus der Schachtel, Serienmotor, Kawa käufliches Racing-Steuergerät mit Kabelbaum, übliche käufliche Rennteile (Akrapo, Fußrasten, Quickshifter, Brembo-Pumpe auf Serienbremsen, Verkleidung/Sitz, Übersetzungen usw.), im Kern ein Serienmoped mit sehr guten Eigenschaften (super Schwerpunkt & Gewichtstransfer, Serienmotor reicht für Sieg jederzeit). Abwechselnd Haslacher WP- und Zupin K-Tech Fahrwerk (beide käufliches Material).
Probleme dzt: Quickshifter unterbricht zu hart. Fahrwerk läuft bei eher gemütlichen ÖM-üblichen Rundenzeiten noch recht rund, sobald Roland pusht, um Speed der Alpe Adria-Sieger mit zu gehen, treten Hinterradschwingungen auf, die den Reifen spätestens nach 3 Rennrunden zerstören.
Roland hat kein Datarecording, daher kann das Problem nur in eigenen Tests gesucht werden (wieder mal: keine Zeit, kein Geld). Wir können den allerersten Test überhaupt frühestens nach dem ÖM-Rennen am Slovakiaring organisieren, wissen also technisch übers Motorrad noch zu wenig, um Schlagzahl ohne Schadensrisiko zu erhöhen. Bis jetzt sind beide Mopeds nur zusammengesteckt und nach kurzen Funktionstests an den Start gestellt worden. Kann jeder Hobbyfahrer um relativ wenig Geld nachmachen. Mehr ist einfach nicht da, alles andere sind blede Häuslgerüchte, somit überflüssig.
Prognose:
Bestenfalls vordere Mittelfeld Platzierungen auf Slovakia- und Salzburgring. Most gute Stockerlchancen. Am Red Bull Ring sind die beiden Fahrwerke wahrscheinlich so weit, dass er voll fahren kann, wie man das kennt und in der ÖM nichts mehr erklären muss. Aber immer noch deutlich unter dem Niveau der Top-5 IDM-Bikes. Roland hätte dort ohne Team und unter 200.000,- Investment keine Chance. (Er schraubt viel selbst mit seinem Onkel und einem alten Freund. Gute, fehlerfreie Leute. Die KTM ist ein Reitwagen Dauertest-Gerät, die Kawasaki gehört Ritchie Holzers Bikecity in Wien.)
(Alte Racing-Regel: Der Erste muss gar nix erklären. je weiter hinten, um so länger werden die Ausreden und die Presseaussendungen; an der Länge meiner großen Erklärung kann man deutlich sehen, wie's unserer Karriere dzt. geht; macht aber trotzdem Spaß.)
Qualität des ÖM Starterfelds:
Roland ist dzt. technisch noch nicht bei der Musik dabei, aber die Plätze sind ganz Ok. Eigene "Österreicher-Wertungen" sind überflüssiger Schwachsinn. Man kann mit gut vorbereiteten Serienmaschinen auf gut abgestimmten käuflichen Fahrwerken alle Alpe Adria-Klassen gewinnen, wenn die Technik ordentlich funktioniert und der Fahrer ordentlich reinhält. Geld ist nicht das entscheidende Kriterium, um diese sechs Rennen zu gewinnen. (Unser Serien ZX10-R Dauertester mit Licht und Blinker, Zubehör-Federbein und Gabeleinsatz fährt in Pannonien 1:56:9 in nur 3 Abstimmungsrunden. Hier braucht keiner Raketenmotoren und Werksfahrwerke. Ist für Nachwuchs- und Hobbyfahrer auch die falsche Botschaft. Nationale Meisterschaften kann man mit leicht modifizierter Serie gewinnen. Wenn man Motorradfahren kann und sich rechtzeitig um die Abstimmung kümmert, gehen moderne Serienbikes gut genug, um unter starken Alpe Adria-Ausländern vorn zu fahren und nicht eine halbe Minute zu spät hinter dem echten Sieger ins Ziel zu kommen).
Eins ist aber ganz klar (Meinung RR, auch meine): Die gut vorbereiteten Alpe Adria-Ausländer sind heuer eine echte ÖM-Aufwertung. Es bringt nix, sich mit Pokalen hinzustellen, nur weil sie die Schnellsten im Rennen wegen irgendwelcher Verbandsregeln nicht gewinnen dürfen. Die härteste Competition ist für alle die beste. Ein achter Platz in einem Feld, in dem am Limit gefahren wird, ist fahrerisch wertvoller, als ein Pokal unter ein paar engagierten Freizeitfahrern.
Ein echter Witz ist die ÖM-/Alpe Adria-Terminpolitik. Hat da irgendein fleißiger Punktesammler aus dem Mittelfeld mitgeholfen?
Überschneidungen mit IDM und polnischer Meisterschaft sind so perfekt ausgewählt, dass unser dzt. wirklich sehr starkes nationales Spitzenfeld nie gemeinsam in der ÖM auftreten kann. Meklau (sein letztes Rennjahr?), Bauer, Ranseder und Resch (wenn er herbrennt werden will, soll sich der Knobi auch noch schnell für ein ÖM-Rennen auf ein Superbike setzen) gehören wenigstens in ein paar ÖM-Auftritten gemeinsam mit den starken Alpe Adria Spitzenteams an den Start! Burschen mit gutem internationalem Format, auf die jeder stolz sein kann und die mir sehr viel wichtiger sind als die Befindlichkeiten des österr. Mittelmaßes. Wie kann man der ÖM und allen österr. Racern diese Qualitäts-Chance durch (absichtlich?) patscherte Termine wegnehmen?
Na gut, hab mich eigentlich nur gemeldet, damit der RR nicht so viel über Internettexte sondern übers Rennfahren nachdenkt. Stelle mich stellvertretend allen Pfeilen, die im Forum und im Fahrerlager von österreichischen Bögen abgeschossen werden. Aber dann ist wieder lang Funkstille. (Heißt ja Rennfahren und nicht Rennreden oder Rennschreiben) Racing4fun für immer.
Viele Grüße Andi Werth
Text: Andreas Werth
Bilder: Reitwagen/Resch
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