Ducati anno 2003. Die EICMA bot den gierenden Zuschauern den ersten Blick auf die Ducati 999, dem Nachfolger der 916. Die Welt war entzweit. Auf der einen Seite erboste Ducatisti, die ihr Erbe geschändet sahen. Auf der anderen Seite aufgeschlossene Menschen mit offenen Mündern, die ein futuristisches und absolut eigenständiges Bike bewunderten, wie es bis dato niemand gewagt hatte zu bauen.
Die Jahre vergingen und die 999 dominierte die Superbike WM. Je mehr Tage sich zu Nächten wandelten, desto mehr Anhänger fand die Triple-neun. Viele Jahre später ist sie für viele Hasser ein extravagantes Bike der Extraklasse geworden. Bei Anderen hat sich die Ansicht der 999 von würgreiz-erregend zu Akzeptanz gewandelt.
Nicht nur die Sichtweise vieler Ducatisti wandelte sich, auch die Szene hatte sich geändert. Die 2007 debütierte 1098 schlug ein wie eine Bombe. Mehr Leistung, mehr Hubraum, mehr alles. Der Unterschied zur 999 war im Performancebereich zunächst nicht sonderlich groß. Der Sprung kam erst mit der 1098R, wohlgemerkt referenzierbar als Asphalt spaltende Streitaxt mit Überschallantrieb. Ducati war etwas mehr Mainstream geworden mit der 1098. Ein stark an die 916 angelehntes Styling mit den unverkennbaren Stilmerkmalen der Einarmschwinge und der Underseat-Auspuffanlage. Tausende knupsrig gebackene Reiterärsche wissen um den unverkennbaren Vorteil dieser Auspuffführung. Hinzu kamen massentauglichere Serviceintervalle und ein an die großen Exklusivautomarken erinnerndes Marketing mit einem ausuferndem Produktkatalog. Dabei handelte es sich nicht gerade um motorradspezifische Accessoires, sondern eher um eine Lifestyledefinition mit schicken Uhren, tollen Textilien sowie hochpreisigen Puma Schühchen. Der hippe Ducatista war nämlich nicht nur hip, sondern sportlich hip. Jawohl. Zu dieser Zeit wusste man im Land der drehenden Doppelnockenwellen nicht einmal mehr, ob die Hardcore Ducatisti noch existieren würden. Die Hartkerner, die des Nachtens von Drehmomentwerten, feingewuchteten Kurbelwellen, Titanventilen einen feuchten Schlüpfer mit Falappa Autogramm davon trugen. Eben solche, die sich an Moppedtreffs und auf den Rennstrecken dieser Welt nicht vernünftig die Hände geben können, da eine fest aufgetragene Schicht 10W40 vom Schrauben die Epidermis schützt.
Ducati im Sommer 2011. Die ersten Anzeichen des 1098 Nachfolgers tröpfeln aus dem bologneser Werk in das Internet. Schlecht getarnte aber dafür gut abgeklebte Bikes auf Spionagefotos brachten die Ducatiwelt in Aufruhr. Nebenbei bemerkt, würde jemals ein Spion so schlechte Fotos schiessen, wären sowohl KGB als auch CIA unterdurchschnittlich begeistert gewesen. Vielleicht gab es im Kalten Krieg deswegen soviele Mondmissionen?
Die Spekulationen um die neue 1199-Superquadrata-Xtreme waren reichhaltig. Die Details tröpfelten während des Sommers stetig in die Foren. Monoschwinge, under-engine Auspuff und ein ungewöhnlich angebrachtes Federbein, das auf eine Cantilever Betätigung deutete, konnten erspäht werden. Die Szene gierte nach Neuigkeiten.
Letzte Woche war es dann soweit. Im Vorfeld der offiziellen EICMA Eröffnung standen die Details fest. Um es mit wenigen Worten zu sagen: die 1199 Panigale ist ein Statement. Sie ist das von Ducati ausgesandte „schaut her, hier ist der Olymp der Serientechnik“. Man muss nüchtern und neidlos anerkennen, das Ducati in die 1199 einfach alles an High-Tech gesteckt hat, was die Schatztruhe hergibt. ABS, Anti-Hopping-Kupplung, verstellbare Umlenkung, Data Recording, normal käufliche plug and play Telemetrie, Race Geometrie mit langer Schwinge und Rennbrücken inklusive 30mm Offset und elektronisches Öhlins Fahrwerk. Dazu ein irrwitziger Motor, der knappe 200PS leisten soll. 114mm Bohrung, das sind 8mm mehr als in der 1098R Atomrakete. Der zugeneigte Italofan hat spätestens jetzt in Ohnmacht die Nummer seines Dealers gewählt und einen Blankoscheck übermittelt.
Ducati bricht aber auch mit Traditionen. Der ikonische Gitterrohrrahmen fällt einem neuen Konzept zum Opfer bei dem der Motor als Teilrahmen agiert. In der MotoGP wurde diese Entwicklung jüngst verworfen, aber dieses pikante Detail ist für die sterbliche Kundschaft nicht von Bedeutung. Dennoch, ein Einschnitt höchsten Grades in die traditionelle Motorradbauweise des Unternehmens. Weiterhin fällt der seit der 916 existierende Underseat-Auspuff weg. Die neue Buell-esque under-engine Trompete verleiht dem Hintern der Panigale das knackige Etwas, er akzentuiert. Die Krümmerführung der rechten Seite ist dennoch mindestens als fragwürdig einzustufen. Nicht umsonst werden die meissten Fotos des Bikes von der anderen Seite gezeigt.
Pro und Kontra hin oder her, die entscheidende Frage die sich der kritisch denkende Ducati1 User stellen sollte ist: Wer braucht dieses Motorrad eigentlich? Objektiv betrachtet ist die Panigale einmal alles im Überfluss - was wohlmöglich auch das Stichwort für uns ist. Welcher Hobbyreiter steht in seinem Vorzelt und stiert auf zittrige Datendiagramme, wertet Bremsbetätigung und Telemetriedaten aus? Am Treff abseits der Rennstrecken dürfte das Auspacken des Laptops und das tremorhaftige Verschütten des Pausenkaffees auf die Tastatur, hervorgerufen durch die wahnwitzige Performance der 1199, eher Schmunzeln als Bewunderung auslösen.
Die Panigale bekommt ihre Daseinsberechtigung als Statement einer Firma, die vorgibt von ihrer Superbike Kundschaft geprägt zu sein und von ihr zu leben. Die Realität spricht jedoch eine ganz andere Sprache. Ducati Fahrer fahren einfach keine 1199 mit Buchstabensalat mehr. Sie fahren Multistrada und Diavel, so hart das auch zu akzeptieren sein mag. Sie fahren kleine und große Zweiventil-Monster, Hypermotards sowie halbwegs zähmbare 848. Motorräder für die wirkliche Welt. Nicht für eine Welt, in der Foggys Karma die Gashand des Panigalereiters zum Sieg der national ausgetragenen Clubserie führt. Nicht für eine Welt, in der Troy Bayliss Kampfgeist die Hausstrecke unter den Pirellis zum zerbröseln bringt. Nein, der Großteil fährt Maschinen, die nicht ein Vielfaches über dem Könnenstand des Besitzers angesiedelt sind.
Die Zeit wird zeigen, ob sich die Panigale durchsetzen kann. Die überperformante Erscheinung des Motorrads und der exorbitante Preis dürften viele Käufer abschrecken. So bliebe mehr Aufmerksamkeit in den Boxengassen und Treffs dieser Welt für die Exklusivgesellschaft. Eben diese ohne ölverschmierte Hände.



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